Rüther: Flüchtlinge und Vertriebene in Jüchen

245 VOR ORT: JÜCHEN NACH 1945 waren. „Die in der Nazizeit gedruckten Bücher sind alle auf dem Bürgermeisteramt abzuliefern, damit sie so sicherer vernichtet wer- den“, wurde aus Gierath berichtet. 340 Das galt ähnlich für alle Ge- meinden, denn auf Befehl der Militärregierung mussten – wie etwa in Bedburdyck - im Juni 1945 sämtliche Schulbücher der NS-Zeit eingesammelt und bei der Amtsverwaltung abgeliefert werden. „Diese Aktion ist in allen Schulen unseres Amtes durchgeführt.“ 341 Trotz aller Hindernisse und Erschwernisse dominierte zunächst aber wohl die Erleichterung darüber, die religionsfeindliche Zeit des Nationalsozialismus und insbesondere die Wirren des Krieges hinter sich gelassen zu haben. Als am 15. August 1945 die Unter- stufe der Volksschule in Neuenhoven ihren Unterrichtsbetrieb mit 54 Schülerinnen und Schülern unter Leitung von Lehrerin Hünd- gen wieder aufnahm, schrieb die seit dem 1. Dezember 1939 im Ort tätige Pädagogin in der Chronik: „Der Unterricht begann mit einer Feststunde, in der das Kreuz, nach der gemeinschaftlichen heiligenMesse, in feierlicher Prozession von der Kirche in die wür- dig geschmückte Schule gebracht wurde. Welch große Bedeutung die Bevölkerung dieser Bekenntnisstunde zuerkannte, bewies die starke Teilnahme aller Kreise.“ Eine solche Feststellung traf praktisch auf sämtliche Volksschulen am traditionell katholisch geprägten Niederrhein zu. Die in den Jahren 1938/39 auf Druck von oben entfernten, danach oftmals heimlich auf Dachböden aufbewahrten Kreuze wurden feierlich in die Schulgebäude zurückgetragen und diese durch die Ortsgeistlichen neu eingesegnet. Allerdings, so glaubte man wohl zu Recht, hatten die zwölf Jahre des National- sozialismus und insbesondere die Beeinflussung durch die Hitler- jugend erhebliche Wirkungen in den Köpfen der Kinder und Ju- gendlichen hinterlassen. So erwartete auch Lehrerin Hündgen nach fast zehnmonatiger Unterbrechung des Schulbetriebs einen den christlichen Grundsätzen unserer Ahnen.“ 342 Das war jedoch zunächst weitaus leichter gesagt als getan, denn die Voraussetzungen für einen geregelten Schulbetrieb waren alles andere als gut. Auch im für künftige Entwicklungen so wichtigen Erziehungs- und Bildungssektor dominierte eindeutig eine auf Im- provisation basierende Verwaltung des Mangels. Hierüber dürfen Einzelberichte nicht hinwegtäuschen, die einen eher rosaroten und entsprechend eingetrübten, vor allem durch das Ende von NS-Re- gime und Krieg dominierten Blick auf die eher trostlose Lage war- fen. So war man, folgt man dem örtlichen Schulchronisten, in Bedburdyck offenbar gut vorbereitet, als dort Mitte August 1945 der Schulunterricht wieder aufgenommen wurde. „Das Schulge- schwierigen Neubeginn: „Der Anfang wird nicht leicht sein, sind doch ungeheure äußere Schwierigkeiten zu überwinden. Für unsere Jugend, die allzu lange der Autorität der Schule entwöhnt war, die allzu lange vom Phrasenrausch leben musste, ist wohl nicht so einfach umzustellen.“ Dennoch stimm- ten sie die neuen Voraussetzun- gen für eine christliche fundierte Erziehung der ihr anvertrauten Schülerinnen und Schüler opti- mistisch: „Die Methoden des Dritten Reiches sind endgültig vorbei. Unsere Jugend darf wie- der ausgerichtet werden nach Feierliche Rückführung der Kreuze in die Herrenshoffer Schule, 1945/46 Schülerinnen und Schüler der Volksschule Jüchen vor der Aufteilung in Konfessionen, 1944/45. Foto links, oberste Reihe, 5.v.l.: Hubert Knabben, Foto rechts, unten 2.v.l.: Irmgard Coenen

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