Rüther: Flüchtlinge und Vertriebene in Jüchen

166 M it ihrer Ankunft imWesten ließen die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen nicht nur ihre angestammte Heimat hinter sich, sondern konnten endlich ohne die großen Ängste und Misshandlungen leben, die sie in den Monaten und Jahren zuvor hatten durchleiden müssen. Die wurden aber schnell durch andere psychische und physische Belastungen ersetzt, denn sie wurden keinesfalls mit offenen Armen empfangen. Im Gegen- teil: Zumeist schlug ihnen Abwehr und Verachtung der einheimi- schen Bevölkerung entgegen, die sich in Beschimpfungen als „Flüchtlingsschweine, Polacken, Rucksackdeutsche, 40-kg-Zigeu- ner“ niederschlugen und deren oftmals menschenverachtender Hintergrund in folgender - aus dem Emsland überlieferten - Aus- sage auf den Punkt gebracht wurden: „Die drei großen Übel, das waren dieWildschweine, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge.“ 137 Die aus einer solchen Behandlung resultierenden psychischen Belastungen waren die eine, der mit Flucht und Vertreibung in aller Regel einhergehende abrupte soziale Abstieg die andere, nicht weniger bedrückende Seite der Medaille. Neben der „Ignoranz der Einheimischen“ habe der Entzug der materiellen Existenz den An- kömmlingen – und hier ganz besonders den Landwirten - erheblich zu schaffen gemacht, resümiert Andreas Kossert. „Ehemals selb- ständige Gutsbesitzer und Bauern mussten sich als Knechte und Probleme der Aufnahmeregionen Flüchtlingskinder in einem westdeutschen Lager, undatiert

RkJQdWJsaXNoZXIy MTI5NTQ=