Rüther: Flüchtlinge und Vertriebene in Jüchen

267 VOR ORT: FLÜCHTLINGE IN JÜCHEN und Vertriebene untergebracht werden mussten. Danach trat auch hier in dieser Hinsicht eine deutliche Beruhigung ein; lediglich Anfang Oktober 1946 und im November des Folgejahres folgten mit jeweils 20 Personen pro Woche nochmals größere Zuweisun- gen. Insgesamt entwickelte sich die Anzahl von Flüchtlingen und Vertriebenen im Amt Hochneukirch bis Mitte 1949 folgender- maßen: 1.4.1946: 146 1.4.1947: 550 1.4.1948: 637 2.6.1949: 685. 406 Das „Hochneukircher Amtsblatt“ machte hierzu Mitte 1949 nähere Angaben: „Von den 685 Vertriebenen und Geflohenen, die in der Gemeinde HochneukirchUnterkunft gefunden haben, stam- men die meisten, nämlich 189, das sind 27,6%, aus Schlesien. Ihnen folgen mit 167, das sind 24,4%, die Pommern und danach die Ost- preußen mit 132 Menschen und 19,2%. Dann fallen die Zahlen, denn die Westpreußen haben nur 65 Vertreter hierher entsandt, sie stellen 9,5% der Vertriebenen. 39 Sudetenländer verloren ihre böhmische, mährische oder schlesische Heimat und stellen 5,7% der Hochneukircher Flüchtlinge. 25 Umsiedler aus Polen und Russland, dies sind 8,6%, haben Bleibe gefunden und 28 Danziger, nämlich 4,1%. Der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands, also Mitteldeutschland, entflohen 21 Menschen, die stellen 3,05% der obigen Gesamtzahl dar.“ Soweit dieWiedergabe der reinen Zahlen. Das Blatt kommentierte zugleich aber auch das Phänomen von „Flucht und Vertreibung“ – sehr zeittypisch und zugleich wohl ganz im Sinne der unmittelbar Betroffenen: „Heute ist dieses Land in fremder Hand, die es nicht zu pflegen versteht. Die Menschen aber aus diesen Gebieten sind ohne ihre Schuld von dem Boden vertrieben worden, den ihre Vorfahren seit Jahrhunderten bebaut und kultiviert haben und haben nichts mitgenommen als den Glau- ben an ihre Rückkehr und ein göttliches Recht, das doch einmal wieder sprechen wird.“ 407 Bis zum 26. Juli 1949 hatte sich die Hochneukircher Zahl noch- mals auf 702 erhöht, von denen im Ort selbst 345, in Holz 72, in Otzenrath 258 und in Spenrath 27 untergebracht waren. 408 – Für den Amtsbezirk Jüchen sind derartig detaillierte Zahlen für die unmittelbare Nachkriegszeit leider nicht überliefert. Eine besondere Herausforderung für die Aufnahmegemeinden lag nicht allein in der absoluten Zahl der Neuankömmlinge, son- dern auch in der sprunghaften und kaum kalkulierbaren Höhe einzelner Zuweisungen. Das lässt sich den wenigen Zahlen ent- nehmen, die für den Zeitraum von Ende Oktober bis Ende No- vember 1947 für Jüchen vorliegen. Demnach kamen in der Woche vom 26. Oktober bis zum 1. November zwölf Personen, vom 9. bis 15. November dann aber 55, während vom16. bis 22. November lediglich eine Person unterzubringen war. 409 Die Ankündigung größerer Personenkontingente erfolgte dabei in aller Regel sehr kurzfristig und konnte, weil sie eine Anweisung der Militärregierung darstellte, auch nicht diskutiert werden. So teilte der am Abend des 27. Oktober 1947 gerade von einer Kreistagssitzung nach Jü- chen zurückgekehrte Amtsbürgermeister Schiffer den hier versam- melten Amtsvertretern aufgrund der gerade selbst erst erhaltenen Die Bahnhöfe in Friedeberg und Jüchen als Symbole von Vertreibung und Ankunft Ein Jüchener Beispiel der seit dem 20. Juli 1946 wöchentlich zu erstellenden Listen von neuangekommenen Flüchtlingen, 23. Oktober 1948. Unter anderem ist hier auch Charlotte Tomaschewski aufgeführt, deren Lebensgeschichte hier nachzulesen ist.

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