Rüther: Flüchtlinge und Vertriebene in Jüchen

86 AUS DEM LEBEN VON ASTRID KATTHAGEN „Wohin, das wussten wir nicht. Nur heraus aus dem Dorf.“ – Flucht „Wir hatten gehört, dass der Russe immer näher kam“, berichtet Astrid Kattagen. Daher habe man in „gedrückter Stimmung“ Zeit gehabt, sich bei frostigen Wintertemperaturen auf die Flucht vorzubereiten, Als besonders schlimm empfinden es die Kuschs, dass die bereits 80 Jahre alte Oma Rosalie Venske sich unter derartigen Bedingungen auf den ungewissen Weg machen muss. Bevor die Flucht beginnt, gewährt die Familie zunächst noch deutschen Soldaten Unterkunft, denn ganz Langeböse ist mit Wehrmachtstruppen belegt. „Wir hatten auch einen Panzer auf dem Hof. Die Soldaten wollten den Ort verteidigen. So ein Quatsch!“ Tatsächlich ist Langeböse eine der wenigen Ort- schaften im Stolper Land, die hart umkämpft ist und bis zum frühen Morgen des 10. März 1945 von deutschen Truppen ge- halten wird. In der Nacht zum 9. März heißt es gegen 5 Uhr morgens plötzlich: „Wir müssen raus!“ Diese Anweisung betrifft das ganze Dorf, woraufhin sich viele Einwohner im nahen Wald verstecken. 81 Das hat für viele schlimme Folgen, denn nach An- kunft der Roten Armee, so erinnert sich Astrid Katthagen, seien viele Dorfbewohner in den umliegenden Wäldern erschossen worden. Familie Kusch ist trotz der beängstigenden Lage erleichtert, denn genau zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihren Heimatort ver- lassen muss, kehrt Vater Hugo vom Volkssturm aus Stolp zu- rück. Nun hat man endlich einen erfahrenen Wagenlenker und Beschützer. „Da waren wir froh. Papa war wieder da, und da war alles leichter.“ Die jüngeren Geschwister und die Oma wer- den auf dem Wagen untergebracht, während die 13-jährige Astrid die Flucht mit ihrem Schultornister auf dem Rücken zu Fuß antreten muss. Der ist bis zum Rand mit Brot, Wurst und anderen Lebensmitteln gefüllt. In einem schriftlichen Bericht beschreibt Astrid Katthagen später die familiäre Fluchtgruppe: „Wir flohen mit einem Plan- wagen, gezogen von zwei Pferden. Darauf saßen meine Groß- mutter, meine Geschwister, meine Cousinen Marlene und Christa, und meine Tante Anna aus dem Dorf, die mit uns kam. Mein Vater lenkte den Wagen zu Fuß, vom Boden aus. Zu Fuß neben her gingen außerdem meine Tante Hilde, meine Tante Meta, die ebenfalls im Dorf lebte, meine Mutter, mein Cousin Horst, mein Onkel Eduard und ich. Der Wagen war voll beladen mit so vielen Lebensmitteln, wie wir transportieren konnten.“ „Wohin, das wussten wir nicht. Nur heraus aus dem Dorf.“ Mit dieser ungewissen Perspektive verlassen die Kuschs wie so viele andere erstmals Langeböse. Die Unsicherheit wird schnell noch vergrößert, denn dort, wohin sich der Treck be- wegt, halten sich nach Auskunft fliehender Wehrmachtssolda- ten bereits sowjetische Truppen auf. Man ist zu spät geflüchtet, und der Treck wird schnell von der Roten Armee überrollt. In ihrer Orientierungslosigkeit macht Familie Kusch bei weitläufi- gen Verwandten in Garziga Halt, wo sie übernachten kann. „‚Mein Gott, mein Gott!‘ Das waren seine letzten Worte.“ – Tod des Vaters „Da gab es auf einmal einen Knall, und da sagten sie: ‚Der Russe ist da!‘“, erinnert sich Astrid Katthagen an diese Nacht. „Und es dauerte nicht lange, da kamen sie auch schon rein.“ Bei dieser Gelegenheit werden den Menschen auf dem Hof zunächst nur Uhren, Ringe und anderer Schmuck abgenommen. Kurz darauf wird befohlen, dass alle im Ort versammelten Flüchtlinge am Vormittag des 10. März wieder den Weg in ihre Heimatgemeinden antreten sollen, woraufhin sich die Kuschs auf den Rückweg nach Langeböse begeben. Währenddessen holt Vater Hugo mit einem Schwager den an anderer Stelle un- tergestellten Pferdewagen und folgt der Familie. Die ist ange- sichts der Umstände froh, als sie ihn endlich mit dem Gespann nahen sieht. Nun geschieht etwas Unerwartetes und Dramatisches, das das Leben der gesamten Familie dauerhaft verändern wird: „Und dann kam mein Vater. Und wie der bei uns war, kam ein Russenauto an uns vorbei. Es fiel ein Schuss. Ein russischer Soldat sprang ab und kam auf meinen Vater zu und sagt: ‚Deut- Oma Rosalie Venske beim Kartoffelschälen vor ihrem Bauernhaus in Langeböse

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