Rüther: Flüchtlinge und Vertriebene in Jüchen

94 AUS DEM LEBEN VON ASTRID KATTHAGEN kann ich eigentlich nicht sagen“, lautet sein versöhnliches Urteil. Auch die Lehrer hätten sich während seiner sieben Schuljahre in der katholischen Schule weitgehend „neutral“ verhalten. Natürlich, so erzählt er weiter, mache man sich Gedanken darüber, wo denn nun die Heimat sei. In Langeböse sei er ge- boren worden und die ersten sieben Jahre aufgewachsen. Des- halb sei die Rückkehr für ihn nicht ganz leicht gewesen. „Wenn man das dann so sieht, ein bisschen nah geht das einem schon. So ganz schmerzlos geht das nicht vorüber.“ Im Gegensatz zu seiner älteren Schwester Astrid sieht Dietmar Kusch seine Hei- mat heute allerdings eindeutig in Garzweiler. „In jedem Fall!“ Immerhin seien ja auch die weitaus meisten seiner späteren Freunde alteingesessene Einwohner des Ortes. „Uns zieht nichts in diese Richtung. Das ist für mich fremd.“ – Die Tochter Astrid Katthagens Tochter Verena Blank wird als zweites von ihren vier Kindern 1961 geboren. Befragt zur Bedeutung des Themas „Flucht und Vertreibung“ im Familienleben, betont sie, dass ihre Mutter selbst nur sehr wenig über diese so dramati- sche Phase ihres Lebens erzählt habe. „Aber meine Oma wohnte mit bei uns im Haus“, und die habe häufig – beispiels- weise am Mittagtisch – viel über Hinterpommern erzählt. „Das war für uns Kinder eigentlich immer interessant.“ Ihre Groß- mutter, das bemerken die vier Enkelinnen und Enkel deutlich, wird am Niederrhein nie heimisch. „Die wohnte zwar mit bei uns in der Familie, aber ich glaube nicht, dass sie so richtig an- gekommen ist.“ Interesse ist das eine, Betroffenheit etwas anderes. Das er- innert auch Verena Blank. Man habe während ihrer Kindheit ja im tiefsten Frieden gelebt. „Wir kannten ja auch keinen Krieg. Das war alles fremd für uns.“ Das gilt insbesondere für die kon- kreten Umstände der Flucht und der anschließenden Vertrei- bung. Die Oma erzählt vorwiegend von ihrer hinterpommer- schen Heimat und Langeböse, während die Ereignisse der Jahre 1945 bis 1947 weitgehend ausgeblendet bleiben. Ihre Mutter, so fährt Verena Blank fort, habe erst in den letzten zwei, drei Jahren damit begonnen, hierüber intensiver zu be- richten. Vorher, so ergänzt Astrid Katthagen die Erzählung der Tochter, habe sie einfach nicht über jene Zeit sprechen können. Die Frage, ob sie sich als Kind einer Vertriebenen in Gar- zweiler fremd gefühlt habe, verneint Verena Blank mit Nach- druck. Sie sei zwar das einzige evangelische Kind in der Volks- schule gewesen, was für sie aber keinerlei spürbare Auswirkungen gehabt habe. „Das war überhaupt kein Thema. Ich habe gar nichts davon gemerkt.“ Sie sei vielmehr mit den Freundinnen zur Schulmesse in die katholische Kirche gegan- gen. „Ich kann da auch alles mitbeten.“ Während der Schulzeit sei sie einmal in der Woche per Auto zum evangelischen Reli- gionsunterricht nach Otzenrath abgeholt und unmittelbar da- nach zur Schule in Garzweiler zurückgebracht worden. Das sei das einzige Merkmal gewesen, was sie von ihren einheimischen Freundinnen unterschieden habe. Sie und ihre Geschwister, so urteilt Verena Blank, seien in Garzweiler ohne jede Ausgrenzungserscheinungen „ganz nor- mal“ aufgewachsen. Daher sieht sie – im Gegensatz zu ihrer Mutter - ihre eigenen Wurzeln und ihre Heimat auch ganz ein- deutig am Niederrhein und nicht in Hinterpommern. „Uns zieht auch nichts in diese Richtung. Das ist für mich fremd.“ Folge- richtig hat sie Langeböse bislang auch nie besucht. Helene Kusch und Tochter Astrid Katthagen im Haus in Alt-Garzweiler

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